Heimliche Versuchung (Brunetti 27)


| Heimliche Versuchung  | Donna Leon | Übers. Werner Schmitz | Diogenes, 2018 | 978-325700194 | 24,00 €

Als eine Bekannte von Paola in der Questura vorspricht, glaubt Brunetti zunächst, sie mache sich unnötig Sorgen um ihre Familie. Da wird ihr Mann im Koma ins Krankenhaus eingeliefert. Ein Überfall und Verbindungen ins Drogenmilieu liegen nah. Konkrete Anhaltspunkte fehlen. Und doch stößt der Commissario allerorten auf Betrügereien, ja sogar auf ein Leck in der Questura. Fakten bekommt er keine zu fassen, geschweige denn einen Täter. Aber sein Gerechtigkeitssinn lässt ihm keine Ruhe.

Die Spannung ist immer groß: Wie wird der neue Brunetti sein? Laut oder leise? Weise oder dämlich? Er hat alle Seiten unser Commissario Brunetti. Aber vor allem seine charmante Seite schafft es immer wieder, seine Leser zu begeistern.

Fakt ist: der Fall ist nicht so toll. Ich habe manchmal die Augen verdreht und das wird auch anderen Fans passiert sein. Brunetti sträubt sich regelrecht an diesen Fall zu glauben und sich ihm anzunehmen. Es bleibt ziemlich speziell bis unser Commissario aufdreht und das macht, was er am besten kann: Menschen verteidigen und ihre Einstellung verstehen.

Es ist nämlich so, seine zweite Familie die Questura, stellt ihn auf die Probe. Dort muss es ein Leck geben und Brunetti vermutet es einfach nicht. Wer kann das schon sein? Klar, sie haben alle ihre Macken. Aber ist es tatsächlich Griffoni oder gar  Signore Elletra? Auch der Mann im Koma, dessen Frau und Sohn machen ihm das Leben nicht leicht. Es stimmt irgendetwas nicht im herbstlichen, grauen Venedig.

Eine Geschichte, die mit der Frage beginnt, was Gerechtigkeit ist und damit endet, dass Brunetti ist, was er ist: ein gerechter, gerader Mensch, der ein großes Herz hat. Ich glaube, es muss nicht immer viele Leichen geben, viele Umweltsünden in Venedig und auch keine Dramen bei den Brunettis zuhause, damit die Geschichte funktioniert. Die Gedanken des gelehrtesten Ermittlers, den ich kenne, reichen völlig aus, um mich selbst zum Nachdenken zu bringen. Ein bisschen Paola darf ich auch noch genießen, denn sie ist eine tolle Frau. Unvergessen die Szenen, wenn sie auf dem Sofa oder Bett liegt und einfach liest. Familie: ich habe vergessen, dass ich eine habe.

Fall Siebenundzwanzig ist leise, fast still, funktioniert trotzdem und spiegelt einmal mehr wider, wovon die Fälle leben: unvergleichliche Charaktere.