Nichts, um sein Haupt zu betten

| Nichts, um sein Haupt zu  betten |  Françoise Frenkel | Übers. Susanne Goga-Klinkenberg| dtv, 2018 |  978-3423261968 | 15,90 € | 

Die Geschichte der jüdischen Buchhändlerin Françoise Frenkel, die achtzehn Jahre lang die erste französische Buchhandlung in Berlin leitete, 1939 durch das besetzte Frankreich floh und sich 1943 in die Schweiz retten konnte. Knapp siebzig Jahre nach seiner Veröffentlichung in einem kleinen Genfer Verlag wurde dieses außergewöhnliche Buch in Frankreich zufällig auf einem Flohmarkt wiederentdeckt und ist mit einem Vorwort von Patrick Modiano erstmals auf Deutsch erschienen.

Ich habe schon oft darüber gesprochen, dass man sich erinnern muss. Daran, dass es vielen Menschen schlecht geht oder schlecht ging. Das der letzte Krieg nicht lange genug her ist und ein neuer immer vor der Tür stehen kann. In Kriegszeiten erzählen Menschen ihre Geschichten. Manchmal schreiben sie die Geschichte auf: wie Françoise Frenkel. Ihr Buch wird kein Bestseller. Es verschwindet und taucht Jahre später wieder auf. Ein Zeitzeugnis, das davon spricht, einen Traum zu verwirklichen, auch wenn er noch so komisch erscheint. Ein Buch, das erzählt, wie stark man sein kann und das man Dinge oft zweimal versuchen sollte.

Eine ziemliche Schnapsidee, einen französischen Buchladen eröffnen zu wollen – denken alle. Nur eine Frau denkt anders. Sie versucht es in Polen, bis sie in Deutschland, in Berlin eine Buchhandlung eröffnen darf. Die einzige und erste mit französischen Büchern und Zeitungen. Die Bücher kommen von weit her und als der Krieg nicht mehr nur eine Andeutung ist, werden Bücher beschlagnahmt und auch ihre Besitzerin gelangt in Bedrängnis, denn sie ist jüdischer Abstammung. Frankreich nimmt sie auf, denn ihr Verdienst für Frankreich ohne dort zu leben, ist groß.

Immer wieder begibt sich Françoise Frenkel durch die Kriegswirren zu ihrer Familie oder ihren Büchern. Sie reist mit dem Zug – was ziemlich lange dauert. Sie versuchen mit dem Auto zu fliehen, was sie nur dazu treibt, auf halbem Weg umzudrehen.

Ihr Koffer kommt zweimal an und wird einmal beschlagnahmt. Ihre Bücher, die sie eingelagert hat, als sie Deutschland verlassen muss, werden im Krieg konfisziert. Mal hat sie nicht mehr als ihr Leben und dann ist sie von Freunden und Büchern umgeben. Sie hat Glück, bekommt mal ein Visum oder hat Pech und wird an der Grenze zur Schweiz geschnappt und wieder zurückgebracht. Sie hätte wahrscheinlich sterben sollen, dabei wollte sie nur Bücher verkaufen und ein friedliches Leben.

Es ist ein Zeitzeugnis, dem man anmerkt, dass es über 70 Jahre alt ist. Sehr sachlich, fast kühl beschreibt Françoise Frenkel, was ihr passiert. Es gibt keine überschwänglichen Gefühle, nichts womit der Leser sich identifizieren kann. Und doch hat die Schrift mich festgehalten, denn es ist ein Einblick in ein Leben. Jedes Leben wurde im Krieg beschnitten, viele genommen. Jeder hat sein Päckchen zutragen und über jede Flucht und Rettung können wir dankbar sein, denn diese Menschen erinnern uns daran, dass so etwas nicht noch einmal passieren darf. Fangen wir im kleinen an und denken an Françoise Frenkel und ihre Bücher, die sie nicht mehr verkaufen durfte, aber die beide auf ihre Art überlebten.

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