Die Erinnerung bleibt – auch eine Generation später


| Erben des Holocaust. Leben zwischen Schweigen und Erinnerung   | Andrea von Treuenfeld  | Gütersloher Verlagshaus, 2017 |  978-3579086705 | 19,99 € | 

Das Cover führt Euch zum Buch!

Welche Erfahrungen machten die Kinder jener Menschen, die den Holocaust überlebten? Wie prägend waren die Erinnerungen der Eltern an Flucht, Konzentrationslager und die ermordete Familie? Und was bedeutete deren Neuanfang im Land der Täter für das eigene Leben?
Andrea von Treuenfeld hat prominente Söhne und Töchter befragt. Marcel Reif, Nina Ruge, Ilja Richter, Andreas Nachama, Sharon Brauner, Robert Schindel und andere berichten von der Herausforderung, mit dem Ungeheuerlichen leben zu müssen.
Ein wichtiges und berührendes Buch!

Vergangenheitsbewältigung – ein großes Wort. Wenn die Vergangenheit schön war, voller Liebe, Licht und Geborgenheit, ist es einfach sich zu erinnern. Aber was machen Generationen, die mit dem Erbe von Holocaustüberlebenden umgehen müssen?

Fast jeder von uns fragt sich irgendwann einmal, woher die Großeltern kamen. Flüchteten sie? Warum hatte die Oma immer Angst vor Donner und saß dann auf der Treppe? Warum aß sie immer so viel Butter auf dem Brot? Manche Fragen können noch beantwortet werden von den Eltern oder von der Oma selbst. Aber was ist, wenn ich auf Schweigen getroffen wäre? Wenn nicht immer alles gut gegangen wäre nach dem Krieg, im Krieg und mit der Familie?

Andrea Treuenfeld hat etwas sehr Kluges getan. Während die Forschung selten Hinterbliebene zitiert und fragt, da Kindheitserinnerungen verschwommen sein können, hat sie genau das getan. Sie hat die Generation gefragt, die nach dem Krieg aufwuchs. Die, die das Schweigen kennen oder das Reden. Sie erlebten alle die Auswirkungen des Krieges, den Nürnberger-Prozess und auch den zaghaften Durchbruch des Schweigens in Schulen und in der Gesellschaft.

Nina Ruge, Ilja Richter und einige mehr erinnern sich. An die Gespenster, die hinter der Gardine saßen, wenn die Sprache auf den Krieg kam. An die Gesichter, wenn das Kind fragt: „Wo sind denn deiner Geschwister geblieben?“ Aber es gab auch Leistungsdruck nach dem Krieg mit den Worten: „Wir haben nicht den Holocaust überlebt, damit Du schlecht in der Schule bist!“ Letzteres hat mich tief berührt und verstört.

Unterschiedliche Methoden werden sichtbar. Entweder es wurde viel geredet, jede Frage beantwortet und alles ungefiltert ausgesprochen. Es wurden Hassbilder geschürt, jeder Deutsche konnte „der“ Deutsche sein. Aber auch die andere Variante wurde vertreten: viel reden, aber offen sein für Neues.

Wenn das Gespenst allerdings hinter dem Vorhang saß, wurde bis zuletzt kein Wort verloren. Die Kinder sollten geschont werden, die Enkel behütet aufwachsen. Zumindest bis es in die Schule ging und sich der Geschichtsunterricht tatsächlich anfing mit dem Holocaust zu beschäftigen.

Es ist ein tiefer Einblick in verletzte Seelen, auch wenn viele von ihnen diese Welt bereits verlassen haben. Ein anderer Blickwinkel, der es möglich macht, erschüttert zu sein und die Generationen danach besser zu verstehen. Was trieb sie an besser zu werden, als alle anderen? Was ließ sie nach Israel zurückkehren oder sogar Deutschland zu ihrer Heimat werden?

Manchmal sind die Interviews schwer zu lesen, denn sie wurden nicht bearbeitet. Sätze nicht umgestellt, Worte nicht ersetzt durch bessere. Es wirkt authentischer und hölzerner.

Wer immer nur Bücher über den Holocaust gelesen hat, Biographien, die sich mit dem Thema beschäftigen, bekommt mit diesem Buch einen anderen Blick auf das Geschehene. Zudem kann aus dem Umgang mit dem Thema etwas gelernt werden: Jeder hat seine eigene Methode damit umzugehen, es ist nicht immer die Richtige – eine universelle Lösung gibt es nicht. Wichtig sind nur die Arme, die einen umfangen und die Hilfe etwas Unaussprechliches zu verstehen.

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