The Distance from me to you – Oder was will mir das Buch sagen?

| The distance from me to you   | Marina Gessner | Übers. Katrin Behringer| Bloomoon, 2017 |  978-3845816043 | 14,99 € | 

Das Cover führt Euch zum Buch!

Kendra kann sich glücklich schätzen. Sie hat gerade die Highschool abgeschlossen und ab Herbst wartet ein Platz in einem namhaften College auf sie. Doch zum Leidwesen ihrer Eltern verfolgt die Siebzehnjährige ein völlig anderes Ziel: Gemeinsam mit ihrer besten Freundin will sie in den nächsten Monaten den Appalachian Trail erwandern, und der führt 3.500 km von Maine bis nach Georgia. Als ihre Freundin im letzten Moment einen Rückzieher macht, beschließt Kendra, das gefährliche Abenteuer alleine durchzuziehen.

Draußen regnet es, meine Laune ist nicht die beste. Was hebt die Stimmung also mehr, als einen Verriss zu schreiben? Ein Buch in die Mangel zu nehmen, festzustellen, dass es tatsächlich einen Grund hat, dass ich es nicht mochte. Immer denkt der Leser: „Liegt es an mir?„, „War ich in der falschen Stimmung?“ oder „Bin ich nicht der Typ für gehobene Literatur?“. Ich habe oft Menschen getroffen, die es auf sich schoben und nicht auf das Buch. Selbst ich, Rezensentin seit Jahren, glaube immer noch an meine Stimmung, die mir ein Buch vermiest und nicht einfach an den Fakt: Das Buch ist nicht gut.

Jedes Mal ärgere ich mich, wenn ich so denke. Es ist nicht einfach, gut begründete Kritik nett zu verpacken. Aber wenn ich in einen Laden gehe und schlechte Ware bekomme, ärgere ich mich dann nicht auch? Gehe ich nicht zurück und tausche es um? Mein Umtausch bei Büchern ist der öffentliche Bücherschrank, manchmal Momox oder die Weitergabe mit dem Hinweis: Eigentlich war es nicht gut.

Der Grund für diese Worte: „The distance from me to you“. Ein außergewöhnliches Cover, ein Mädchen, das  einen gewagten Weg geht. Versteckt im Klappentext, die Andeutung, dass da noch mehr passiert zwischen „me“ und „you“. Zwischen Bäumen, auf Wegen abseits der Norm und ja, in der Wildnis, wünschte ich mir Erkenntnisse. Ich wollte erschüttert werden, einen „Coming-of-age“ Roman lesen, der gut ist. Was ich bekam? Eine schlechte Milieustudie, ein bisschen Vogelkunde und einen Weg, den es so nicht gibt. Aber der Reihe nach, bevor ich noch in der Wildnis der Buchstaben verloren gehe.

Es beginnt mit einem starken Mädchen, denn Kendra wird den Appalachian Trail  allein wandern. Ihre Freundin bleibt wegen einem Kerl zuhause, den Eltern wird nichts verraten und bald geht es los. Vorher muss sie noch kurz ihre Unschuld verlieren, also fast. Eigentlich hat sie keine Lust, aber immerhin sehen sie sich lange nicht. Und dann trinkt sie zufällig Alkohol und schläft ein. Ah ja. Schlimm genug, dass das Bild von Mädchen in ihrem Alter jetzt schon verkorkst ist. Er, ihr Junge, ist auch noch angesäuert, denn er hatte sich alles sooooo schön vorgestellt. Meine Fußnägel klappen hoch. Wo bleibt da ihr Anstand, ihr Wille oder der Wille von Mädchen, etwas selbst bestimmen zu können?

Der Junge ist bald vergessen, denn das Handy benutzen wir auf dem Trail kaum. Abgeschieden wollen wir sein. Aber was ist, wenn man vorher kaum gewandert ist? Nur mal so am heimischen Berg? Dann läuft es schlecht und wir wollen alles hinschmeißen. Die starke Kendra ist bereits nach zwanzig Seiten: klein, nichtssagend und will aufgeben. Ich gebe zu, dass es ein großes Projekt ist, auf das sich wohl niemand richtig vorbereiten kann. Trotzdem trifft Kendra auch noch dämliche Entscheidung, verwehrt Hilfe von anderen, lässt sich Horrogeschichten erzählen.

Ich warte lange darauf, dass wir „you“ kennenlernen. Kendra läuft vor Sam die gesamte Zeit weg. Er ist als Charakter etwas eigenartig konzipiert. Seine Vergangenheit erfahren wir in Rückblicken. Kurz gesagt: er hatte ein schweres Leben und ist davor weggelaufen. Schlimm nur, dass er mir sympathischer ist als Kendra. Er reagiert normal. Ist sauer, wenn Kendra blödes Zeug sagt und will sich nicht auf sie einlassen. Ich spreche ihm eine gesunde Gefühlswelt ab, da er manchmal echt ein Arsch ist, aber Kendra provoziert dieses Verhalten.

Erst wollen wir schnell noch unseren Freund vor dem Trail flachlegen oder sich flachlegen lassen, dann ist Sam da und innerhalb weniger Seiten, könnte das „you“ sein. Der richtige Knick entsteht durch die Milieubeschreibungen der Autorin. Kendra kommt aus gutem Haus. Ihre Eltern sind Professoren, haben wenig Zeit für ihre Kinder, denen fehlt es aber an nichts. Liebe, Trubel und Heiterkeit stehen an der Tagesordnung. Bei Sam ist das Gegenteil der Fall: keine Familie, kein Geld, kein Liebe – kein Leben. Hört sich nicht weiter schlimm an, aber das Ende toppt alles und ich werde es Euch auch erzählen. VORSICHT, es folgt ein Spoiler:

Am Ende bietet Kendra ihm alles an: ihren Job, ihre Wohnung und er soll einfach nur „Danke“ sagen. Kein Gerede davon, dass es ihn kränken könnte, vielleicht es sogar anmaßend ist, jemandem im Krankenhaus einen Vortrag über sein neues Leben zu halten. Irgendwann werden sie sich schon wiedersehen, sagt sie, dreht sich um und läuft den Trail zu Ende. 

Ernsthaft? Anmaßend, überheblich und glitschig ist Kendras Charakter. Schön ist aber auch, dass ihre Eltern nie böse auf sie sind. Handy? Ach. Weiterlaufen? Klar! Du hast gelogen? Kein Ding.

Autoren dürfen gerne ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Ich mag Fantasien, die funktionieren. Und ja, Kendra ist irgendwann 18, aber darf sie deswegen einfach alles? Ich bin sprichwörtlich verwirrt und konnte nicht weggucken. Ja, ich habe es zu Ende gelesen, wahrscheinlich nur, damit ich mich zu Ende ärgern kann.

Kurz vor Schluss! Der Knaller. Der Appalachian Trail, so wie Kendra ihn läuft, gibt es gar nicht. Das kann als künstlerische Freiheit gedeutet werden, aber es wirkt im Buch nicht. Es ist der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Es gibt den Trail, warum sich einen eigenen ausdenken? Ist der richtige nicht spannend genug für Kendra, die eh keucht, wenn nur zwei Steine im Weg liegen?

Genug gezetert. „The distance from me to you“ war nicht mein Ding.

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