Überall bist du

| Überall bist du | Gerhild Stoltenberg | Atlantik, 2017 | 978-3455600599 | 20,00 € | 

Das Cover führt Euch zum Buch! 

Wenn Martha geahnt hätte, dass Tom vom einen auf den anderen Tag aus ihrem Leben verschwinden würde, hätte sie ihn nachts geweckt, statt ihn nur anzuschauen. Sie wäre mit Tom nur U-Bahn statt Fahrrad gefahren, dann gäbe es in der Stadt jetzt weniger Orte, die sie mit ihm verbindet. Und sie hätte versucht, viel weniger mit ihm zu erleben, damit die Liste der Dinge, die sie so sehr an ihn erinnern, jetzt nicht so lang ist. Zum Glück gibt es den fünfjährigen Oskar und seine Brüder, die ihr die unausgesprochenen Gesetze des Spielplatzes erklären und mit denen sie unbeschwerte Sommertage im Freibad verbringt. Doch wenn der Liebeskummer so schlimm wird, dass nicht mal Winnie Puuh-Pflaster helfen, weiß selbst der sehr weise Oskar nicht mehr weiter. Martha muss sich eingestehen, dass sie nicht die besten Ideen hat, um über Tom hinwegzukommen, und entscheidet kurzerhand, alles hinter sich zu lassen.

Wenn ein Mensch uns verlässt, sind wir am Boden zerstört. Vielleicht stehen noch Dinge von ihm in unserer Wohnung. Am Morgen gehen wir an einer Bank vorbei, auf der wir mit ihm gesessen haben. Oder wir sehen einen Film, hören einen Song und denken nur an diese eine Person.

Martha erinnert sich immer an Tom. Tom, der sie verlassen hat, einfach so ohne viele Worte. Er hat sie im Stich gelassen, findet Martha. Sie und die Stadt, in der sie nicht mehr umhergehen kann, denn alles erinnert sie an Tom. Mit dem Fahrrad fuhren sie herum, kochten, lagen lange im Bett und liebten sich.

Die Protagonistin igelt sich ein. Leidet, wie ein getretenes Tier. Verlassen und einsam, gebrochen, wie eine Puppe mit der man nicht mehr spielt – diese Dinge fallen mir ein, wenn ich über Martha nachdenke. Und da beginnt das Problem. Die Protagonistin ist eingefahren, kaputt und erwartet keine Heilung. Ihr Selbstmitleid tropft auf jeden Buchstaben, den die Autorin Gerhild Stoltenberg geschrieben hat. Es gibt kaum Momente in denen Martha lacht, wenn jemand lacht, dann die Kinder, die sie aus einer Laune heraus beginnt zu umsorgen als Kindermädchen.

Plötzlich Kindermädchen soll alles retten. Martha will nicht mehr denken, sich auf etwas anderes konzentrieren. Wir Leser lernen am Anfang kurz Martha und Tom kennen als Paar. Dann springt die Erzählung etwas vor, um später, wenn Martha die Kinder beaufsichtigt, die beiden Punkten zusammenlaufen zu lassen: den Moment an dem sie verlassen wird, wird zu dem Moment, in dem sie vor den drei Kindern weint.

Die Kinder sind alles Unikate. Oskar, fünf Jahre alt, seltsam klug und weitsichtig. Nippon, nicht nur sein Name ist recht seltsam. Der dritte im Bunde, zu klein, um die Welt zu verstehen, versteht später, dass er nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt ist. Martha versucht alles für die Kinder zu tun, erkennt, dass Leben nicht nur Lieben heißt, aber dann geht Tom. Einfach so.

Nicht immer komme ich mit Oskar zurecht, der wirklich sehr klug ist. Schnell denkt man, dass kein Fünfjähriger sich so benimmt wie Oskar. Und dann stört es mich, bis ich wieder abgelenkt werde und Martha selbst in den Fokus tritt. Dieses Spiel vollziehe ich im gesamten Roman. Mich ärgern – abgelenkt werden – den Ärger vergessen. Dann beginnt alles wieder von vorn.

Keine gute Voraussetzung für einen Roman, der mir Kummer zeigen soll und vielleicht doch eine Lanze für die Liebe bricht. Martha ist oftmals sperrig, lässt vieles außen vor und blickt immer nur auf einen Punkt in ihrem Leben. So geht es nicht. Der Leser sieht das komplette Bild und erkennt viel schneller, dass das Leben nicht schlecht ist – nur Martha etwas verkorkst.

Gerhild Stoltenberg schreibt einen Roman, der sich schnell lesen lässt. Ihre Worte sind gut gewählt, schwer von Melancholie durchdrungen und haben selten etwas fröhliches an sich. „Überall bist du“ zeigt, dass Zeit vergehen muss, andere Aufgaben helfen, aber der Mensch sich nur selbst aus seinem Loch hervorziehen kann.

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