Die Spionin

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Die Spionin

Paulo Coelho

Diogenes, 2016

19,90 €

978-3257069778

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Wer ist die Frau hinter dem schillernden Mythos? Paulo Coelho schlüpft in ihre Haut und lässt sie in einem fiktiven, allerletzten Brief aus dem Gefängnis ihr außergewöhnliches Leben selbst erzählen: vom Mädchen Margaretha Zelle aus der holländischen Provinz zur exotischen Tänzerin Mata Hari, die nach ihren eigenen Vorstellungen lebte und liebte und so auf ihre Art zu einer der ersten Feministinnen wurde. Doch als der Erste Weltkrieg ausbricht, lässt sie sich auf ein gefährliches Doppelspiel ein.

Mata Hari? Für jeden ein Begriff? Die Frau, die mit erhobenem Haupt erschossen wurde? Die erste, echte Feministin, die sich etwas traute? Eine Frau, die nur aus ihrem traurigen Leben ausbrach? Oder nur eine Sagengestalt, um die sich einige Legenden ranken?

In diesem Jahr ist es hundert Jahre her, dass Mata Hari für etwas verurteilt wurde, was nicht wirklich bewiesen ist. Niemand weiß, ob sie wirklich eine Spionin war und im Krieg eine Rolle gespielt hat. Vielleicht hat sie nie wertvolle Informationen gesammelt. Vielleicht war sie nur eine Schachfigur in einem Spiel, dass sie selbst nicht verstand oder glaubte die Regeln zu kennen. Kurz bevor der Krieg auf sein Ende zu ging, musste ein Sündenbock her und dieser war: Mata Hari.

Im Jahr 2017 in dem die Gerichtsakten von Mata Hari geöffnet werden dürfen und jeder hinter das Geheimnis blicken kann, greift Coelho das Thema auf. Ein guter Schachzug, warten seine Fans auf ein neues Buch und Mata Hari-Interessierte vielleicht auch auf neues Futter. Eine gute Verkaufsstrategie also – der ich auch zum  Opfer gefallen bin, denn das Buch gehört einfach in meine Sammlung. Coelho zählt immer noch zu meinen Lieblingsschriftstellern, die ich immer und öfters als ein Mal lesen kann.

Die Geschichte von dieser ungewöhnlichen Frau, beginnt an ihrem Ende. Gleich wird sie erschossen. Während sie ihren Mantel anzieht und fragt, ob sie bei der Erschießung tatsächlich die Maske tragen muss, denkt sich der Leser: Wie konnte es dazu kommen? Bevor es soweit ist, blicken wir gemeinsam mit Mata Hari zurück. Zurück auf ein Leben, das 1917 nicht mehr allzu schillernd war.

Die Zeit beginnt mit einer Ehe, in der ihr Ehemann ein Tyrann ist. Sie ist einsam in einem anderen Land und fast überfordert mit ihren Kindern. Männer erlebt sie als starrsinnig, gewalttätig und rechthaberisch. Eine Frau zählt nur, wenn sie ein gesundes Kind gebärt, sich hübsch zurechtmacht und den Mund hält. Mata Hari, die eigentlich Margaretha Geertruida Zelle heißt, lebt erst ein angebrachtes Leben. Als sie Schläge einstecken muss und eine andere Frau an genau diesem Lebensstil zerbricht, reicht es ihr. Sie beginnt ein Leben als Tänzerin, lässt sich von Männern verwöhnen, die ihr zu Füßen liegen. Mata Hari tanzt keinen „billigen“ Tanz. Sie ist geheimnisvoll, zieht die Menschen in ihren Bann und wird skeptisch betrachtet. Die Männer, egal in welcher Position, erzählen ihr viele Dinge, sie ist nicht glücklich, aber auch nicht traurig.

Coelho legt ihr bedeutungsschwangere Worte in den Mund. Er versucht zu erklären, dass eine Tänzerin, die wenig an hat, trotzdem Achtung vor der Welt besitzt und verdient. Er zeigt eine Frau, die um ihr eigenständiges Leben kämpft, die auch im Krieg nicht davor zurückschreckt an sich selbst zu denken. Problematisch ist nur, dass sie verurteilt wurde für etwas, was sie gar nicht getan hat. Bauernopfer, verloren Frau als Spielball – so positioniert der Schriftsteller sie. Wusste Mata Hari worauf sie sich einlässt? War ihr Verlangen nach Männern, Hingebung und Luxus ihr Verderben? Vielleicht werden wir es nie erfahren, aber in diesem Roman ist sie eine aufrechte Frau, die ihrem Schicksal ins Auge blickt und sagt:

«Verurteilt wurde ich nicht wegen Verbrechen, die ich tatsächlich begangen habe - und deren größtes es war in einer von Männern beherrschten Welt eine emanzipierte, unabhängige Frau zu sein.» 


(Die Spionin, S. 21, Diogenes Verlag 2016)

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