UnterLeuten

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UnterLeuten

Juli Zeh

Luchterhand, 2016

978-3630874876

24,99 €

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Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf „Unterleuten“ irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist …

Wer von Euch kommt aus einem kleinen Dorf? Jeder kennt jeden. Wer hat mit wem? Warum hat er das gemacht? Wer hat geheiratet, ist zugezogen, hat sich scheiden lassen? Fragen, die auf dem Dorf immer erörtert werden – egal, ob man weggezogen ist oder nicht.

In UnterLeuten, einer kleinen Gemeinde irgendwo in Brandenburg stehen diese Fragen auch auf der Tagesordnung. Es ziehen junge Menschen raus aus Berlin, kaufen einen alten Hof und wollen ihr Glück machen. Aber passen sie in die eingeschworene Dorfgemeinschaft?

Früher haben alle in Unterleuten eine Arbeit gehabt. LPG hieß das Zauberwort, viele Menschen zogen an einem Strang. Dann verschwand die DDR und übrig blieben Menschen, die mit einem neuen Weltbild, neuen Gefühlen und neuen „Zugezogenen“ klarkommen mussten. Das Besondere an Juli Zehs Roman ist, nicht die Art wie sie ein Dorf eingefangen hat oder wie sie etwas beschreibt, was man schon erlebt haben kann. Es sind die Charaktere, die den Leser fesseln. Wer kennt ihn nicht, den Bär von Mann, der alles für sein Dorf tun würde? Arbeitsplätze schaffen, Turniere ausrichten, mittwochs zum Skat, ein Haus kaufen für eine Frau, die ihren Mann verloren hat? Menschen, um die sich viele Gerüchte ranken, die gleichzeitig unantastbar sind, weil sie so viel für die Gemeinschaft machen. So einer ist Juli Zehs Gombrowski. Und was wäre ein Dorf ohne eine alte Fehde? Gombrowskis Gegenspieler ist verstockt, hat eine Tochter, für die er alles tun würde und heißt Kron. Diese beiden sind nur Beispiele für die Vielfalt der Menschen, die in UnterLeuten wohnen. Ein junges Pärchen mit Idealen zieht dorthin, ein alter Berliner wird Vogelkundler, ein schmieriger Typ kommt wieder zurück ins Dorf.

Das Schlimme an dem Roman ist, dass die Autorin ihren Finger in die Wunde legt. War die DDR ein gutes System? Ist Lügen eine Art von Schutz? Geht Umwelt vor? Oder siegt der Profit? Viele Wunde gibt es, die von Unterleuten auf die große weite Welt übertragen werden können. Und trotzdem denkt der Leser zuerst an sich, an sein Dorf, an sein Haus und an seine Familie.

Wer Angst hat, dass es ein zu großes Durcheinander gibt, dem sei gesagt, dass Juli Zeh zu einer einfachen Aufteilung gegriffen hat. Die Protagonisten wechseln sich ab, aus der auktorialen Perspektive wird ein Teil der Geschichte erzählt. Der nächste Teil fügt sich manchmal nahtlos an oder gibt der Figur die Chance sich zum Zeitpunkt des Geschehens woanders zu befinden. Es entsteht ein Kaleidoskop an Menschen, Orten und Geschehnissen, die später ein sehr gutes komplexes Bild ergeben.

Selten habe ich einen Roman gelesen, der mich auf jeder Seite gefesselt hat. Immer wieder neues, immer wieder Macken, die liebenswert waren und ein Leseerlebnis, das seines gleichen sucht.

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