Die Eismacher

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Die Eismacher

Ernest von Kwast

btb, 2016

19,99 €

978-3442756803

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Im Norden Italiens, inmitten der malerischen Dolomiten, liegt das Tal der Eismacher, in dem sich die Einwohner auf die Herstellung von Speiseeis spezialisiert haben. Giuseppe Talamini behauptet gar, die Eiscreme wurde hier erfunden. Und er muss es wissen, schließlich haben sich die Talaminis seit fünf Generationen dieser Handwerkskunst verschrieben. Jedes Jahr im Frühling siedeln sie nach Rotterdam über, wo sie während der Sommermonate ein kleines Eiscafé betreiben. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt: zartschmelzendes Grappasorbet, sanftgrünes Pistazieneis, zimtfarbene Schokolade. Dennoch beschließt der ältere Sohn Giovanni, mit der Familientradition zu brechen, um sein Leben der Literatur zu widmen.

Eisdielen sind meist Familienbetriebe. Außer die freundliche Aushilfe im Sommer, sind es Brüder und ihre Frauen zusammen mit ihren Kindern, die das Geschäft betreiben. Bei uns um die Ecke gibt es auch eine Eisdiele. Wir lieben die neuen Eissorten, essen gerne Bananen-Toffee Eis und sind manchmal enttäuscht, dass es trotz der großen Auswahl, nicht alles geben kann.

Aber welche Gefühle bestimmen Generationen, die ganz genau wissen, was sie machen werden oder machen müssen? Welche Bande knüpfen Brüder untereinander, zu Freundinnen und wie ist das Verhältnis zu ihren Eltern? Ich konnte mich lange Zeit nicht entscheiden, welches Thema bei dem Roman von Ernest van der Kwast im Vordergrund steht. Ist es die Familiengeschichte mit all ihren Verwicklungen, Dramen und letztendlich ihren Entscheidungen? Oder hat der Autor sein Herz an die Geschichte des Speiseeises gehängt und es verloren, als er das beste Eis aß?

Fakt ist, dass der Roman mich mit seiner Detailverliebtheit und der Liebe zum geschriebenen  Wort beeindruckt hat. Der Fokus liegt auf Giovanni, der lange Zeit denkt, er übernimmt mit seinem Bruder das Eiscafé. Aber im Leben kommt es oft anders und nichts ist vorherbestimmt. Auch davon handelt dieser Roman.

Eingebettet in eine Rahmenhandlung, die erzählt wer das erste Eis verschifft hat, wer das erste Speiseeis in einem kleinen Dorf fabriziert hat und was für eine Wissenschaft die Speiseeisherstellung ist, begleitet der Leser Giovanni beim Erwachsenwerden. Die Brüder sind unzertrennlich, verlieben sich zuerst zusammen, streiten sich oft und versöhnen sich schnell. Sie können unterschiedlicher nicht sein, aber wie unterschiedlich sie tatsächlich sind, merkt der Leser erst in den späten Jahren. Als Giovanni merkt, dass er Wörter mag, sie sogar vielleicht selbst zu einem Gedicht zusammenführen möchte.

Zwischendurch sind es die kleinen Brüder, die weit in die Speiseeisgeschichte abtauchen. Sie reden mit älteren Italienern, die haarsträubende Geschichten erzählen. Eine Eismaschine ist gefährlich, kann man doch von ihr eingezogen werden. Letztendlich kommen die Brüder mit ihrer Forschung nicht weit. Wer das erste, wer das beste und wer das schlechteste Eis macht, bleibt auch für den Leser eine große Frage. Dennoch ist es kaum möglich, keinen Hunger auf Eis zu bekommen. Die viele Sorten werden liebevoll beschrieben und sogar die verrückteste Eissorte  wollte ich sofort probieren. Wenn die Kinder zum Probieren die Augen schlossen und die Kälte auf der Zunge spürten, dann wollte ich auch eine Romanfigur sein.

Ernest van der Kwast hat es mit seiner sachlichen Sprache geschafft, ein Thema interessant wirken zu lassen, mit dem ich mich niemals beschäftigt hätte. Zudem ist er ein Sprachkünstler, wenn es darum geht, seinen Figuren „Leben“ und vor allem „Gefühle“ einzuhauchen. Giovanni und sein Bruder waren tolle Charaktere und wenngleich der eine nicht viel redet, versteht der Leser seine Beweggründe und schließt ihn in sein Herz.

Die Ausgewogenheit zwischen Familiengeschichte und Sachbuch hat mir sehr gut gefallen. Van der Kwast erschuf ein Buch, das viele Welten zeigt und hinter einer Eiscaféterrasse beginnt. Manchmal ist der Weg in eine neue Welt so schwer und manchmal kann er literarisch so schön sein wie „Die Eismacher“.

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