Wir beide wussten, es war etwas passiert

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Wir beide wussten, es war was passiert

Steven Herrick

Übers.: Uwe-Michael Gutzschhahn

Thienemann, 2016

978-3522202190

14,99 €

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… und wie ich mich abmühte, selbstsicher zu erscheinen. Und er antwortete: Ja, toll. Und ich sagte auch: Toll. Und danach machte ich mich wieder ans Wischen und versuchte zu wirken, als wenn nichts passiert wär, obwohl wir beide wussten, es war was passiert.

Jetzt denken einige bestimmt: „Was ist das für ein bescheidener Klappentext?“ Ich finde er passt in das stimmige Konzept des Buches hinein. Er verrät relativ wenig, kann er auch gar nicht, da das Buch in poetischer Form d.h. als Gedicht geschrieben ist. Es verkörpert eine andere Art von Text und Darstellung. Dazu passt auch das ungewöhnliche Cover. Vorab sei gesagt, wie wichtig die Arbeit des Übersetzers ist. Im Allgemeinen, also bei jedem Buch aus einer anderen Ausgangssprache. Hier jedoch ist die Arbeit komplizierter gewesen, denn auch in der deutschen Sprache mussten die Gedichte viel aussagen und zwischen den Zeilen reden. Uwe-Michael Gutzschhahn hat einen sehr guten Job gemacht! Danke dafür!

Das Jugendbuch hat einen selbstständigen und traurigen Protagonistin. Billy ist 16 als ihm sein Leben im Vorstadtghetto reicht. Sein Vater trinkt, Billy ist im egal – also zieht es ihn nach Westen. Auf einem Güterwaggon schläft er, bis er einen Ort findet, der ein neues Zuhause zu sein scheint. Er lernt Menschen kennen, die auf andere Arten genau so verletzt sind, wie er. Alle wollen sie etwas Liebe, Beachtung und auch Traurigkeit, wenn es angebracht ist.

Der Aufbau des Buches ist gut nachzuvollziehen. Billy, Caitlin und Old Bill bekommen eigene Abschnitte. Jedes Gedicht hat eine Überschrift, darunter steht der Protagonist, der es erzählt. Die gesamte Geschichte ist wiederum in Teile gesplittet, sodass der Leser die Abschnitte leicht in eine Reihenfolge bringen kann und Zeit hat die Gefühle und Situation aus dem vorherigen Abschnitt auf sich wirken zu lassen. Dieses System hat Sinn, denn viele Gefühle sind zwischen den Zeilen versteckt und werden nicht explizit genannt. Der Leser muss nachdenken und fühlen – klar, das ist etwas anstrengend, aber deswegen kann man dem Buch nicht vorwerfen, dass es keine Gefühle vermittelt. Erst ganz am Ende habe ich selbst eine Meinung geändert. Die Nähe zu den Figuren entsteht hier durch das eigene Nachdenken und fühlen. Der Leser sollte sich zwischendurch selbst die Frage stellen: „Was würde ich an seiner Stelle tun?“

"Es war wie kopfüber

ins klare Wasser

des Bendarat River zu sprinegn,

die Augen zu öffnen

für die schönen 

phosphoreszierenden Lichtblasen

und zu versuchen, 

die Blasen zu fangen

in dieser neuen Welt 

aus Stille und Ruhe,

die mich atemlos weitertrug."

(Wir wussten beide, es war etwas passiert - Steven Herrick, S. 130)

Vielleicht ist es ein wenig weit hergeholt, aber Billy erinnert mich ein bisschen an den missverstandenen Holden Caulfield. Beide Jungen sind gebildet auf ihre Art und Weise, schleppen Probleme mit sich herum und fühlen sie situativ einsam. Es ist schon zu sehen, dass Billy die Chance bekommt, bzw. sein Recht so zu leben, wie er es möchte. Viele werden sagen, der Ausgang der Geschichte sei unrealistisch, aber ich denke es zeigt darauf ab, dass Beziehungen und Freunde wichtig sind und mit ihnen alles erreicht werden kann. Es müssen sich nur die richtigen Menschen treffen.

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