Das gläserne Meer

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Das gläserne Meer

Josh Weil

Dumont, 2016

978-3832197971

24,99 €

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Die Zwillinge Jarik und Dima sind von Geburt an unzertrennlich. Nach dem Tod des Vaters wachsen sie auf dem Bauernhof ihres Onkels auf, die Tage verbringen sie in den Kornfeldern und die Nächte im Bann der mythischen Geschichten aus dem russischen Sagenschatz. Jahre später arbeiten die Brüder Seite an Seite in der Oranzeria, dem gigantischen Gewächshaus, das sich hektarweit in alle Richtungen erstreckt.
Dieses gläserne Meer wird von im Weltall schwebenden Spiegeln beleuchtet, die das Sonnenlicht rund um die Uhr auf die Erde werfen – ein künstlich geschaffener ewiger Tag, der die Produktivität der Region verdoppeln soll. Bald ist die Arbeit das Einzige, was sie verbindet: den robusten Jarik, verheiratet und Vater zweier Kinder, und Dima, den Träumer, der allein bei der Mutter lebt. Doch eine Begegnung mit dem Besitzer der Oranzeria verändert alles: Während Dima sich ambitionslos dahintreiben lässt, wird Jarik immer weiter befördert, bis sie schließlich zu Aushängeschildern gegensätzlicher Ideologien werden. ›Das gläserne Meer‹ ist ein großer Roman über den Preis unserer Träume und Ideale, hochpoetisch und angefüllt mit der Magie russischer Märchen.

Russland: Zwei Brüder wachsen gemeinsam auf. Sie jagen Märchengestalten in einem See. Sie sind für einander da, aber mit der Zeit des Erwachsenwerdens beginnt auch die Zeit sich voneinander zu entfernen. Josh Weil erschafft ein Russland, das der Leser sich gut vorstellen kann. Es gibt keine Nacht mehr, denn die großen Spiegel erhellen den Himmel der Stadt. Zuerst war es ein Wunder, dann eine Innovation und jetzt die Hölle für Mensch und Tier. 

Was passiert mit den Menschen, die an so einer Innovation teilnehmen? Verändern sie sich? Seite an Seite arbeiten Jarik und Dima in einem großen Gewächshaus. Mit der Zeit sehen sie sich selten, nur noch wenn der Schichtwechsel stattfindet. Auf den ersten Seiten spürt der Leser den Schmerz von Dima. Er vermisst seinen Bruder, die Freiheit, sein Leben selbst zu wählen und vielleicht auch die Nacht. Immer wieder gönnt er sich Rückblicke in eine Zeit, in der er noch mit seinem Bruder in einer Hütte lebte oder in einer Schicht arbeitete. Beide Brüder könnten unterschiedlicher nicht sein. Jarik hat Frau und Kind. Er geht nach der Arbeit zu ihnen, liebt sie und würde alles für sie tun. Hat er überhaupt mal einen Gedanken daran verschwendet, dass der Oligarch nicht alles richtig macht? Das die Tiere bei Tag nicht leben können? Über all das denkt Dima nach und kommt zu dem Schluss, dass er seine Vergangenheit, seine Kindheit wieder aufleben lassen will. 

Sie sind schwarz und weiß, sie sind zwei Brüder, die sich für verschiedene Seiten entscheiden. Der eine dem Regime treu, der andere denkt nach, stellt fest und will etwas verändern. Sie beginnen sich selbst nicht mehr zu verstehen, wandern am Tag, wollen Dinge, die es nicht mehr gibt. Der Leser, der den Roman mit wachen Augen liest, wird die politische Ebene nicht leugnen können, auch wenn sie sehr schwach unter den Zeilen hervorleuchtet. Es ist ein Russland, das innovativ ist, das zwei Seiten hat und auf jeder steht ein Bruder. 

Das Buch hat noch mehr zu bieten, als die bildhafte, gewagte Sprache von Josh Weil. Jedes Kapitel hat einen schönen Titel, der das märchenhafte im Roman unterstreicht. Zudem ist der Titel umrahmt mit Zeichnungen, die alle sehr filigran und hübsch anzusehen sind. 

Wer es schafft, den Roman zu Ende zu lesen und nicht immer an das heutige Russland denkt und versucht Parallelen zu sehen, der wird mit einer tragischen, bildhaften und liebevollen Geschichte belohnt. 

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