Das gerettete Kind

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Das gerettete Kind

Renate Ahrens

Droemer, 2016

978-3426281147

19,99 €

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Irma (86) musste einst als jüdisches Kind mit einem Kindertransport aus Nazi-Deutschland über England nach Irland fliehen. Ihre Eltern und Freunde blieben zurück und verschwanden so aus ihrem Leben. Dieses Trauma begleitet sie und ihre irische Familie das ganze Leben – alles Deutsche wurde aus dem Alltag verbannt. Irmas Tochter Leah findet keinen Zugang zu ihrer Mutter und resigniert angesichts ihrer zurückweisenden Art. Als sich Irmas Enkelin Rebecca in den deutschen Studenten Jonas verliebt, rüttelt sie an dem Familien-Tabu. Doch anstatt Rebeccas gewecktes Interesse an Deutschland abzulehnen, beginnt Irma zu erzählen: Von ihrer Kindheit, ihrer damaligen besten Freundin und von einer Schuld, die sie auf sich lud. Und langsam verändern sich die Beziehungen der drei Frauen. Renate Ahrens erzählt in wunderbar reduzierter Sprache von drei Frauen und der Erkenntnis, dass Schicksalsschläge über Jahrzehnte und Generationen hinweg Zeit brauchen, um zu heilen.

Wenn in einer Familie zwischen den Mitgliedern jahrelange Funkstille herrscht, muss irgendetwas passiert sein. Etwas, das wirklich tiefgreifende Veränderungen hervorrief und unaussprechlich ist. Manchmal braucht es einen Stein des Anstoßes, damit verschiedenes angesprochen wird, ein Mensch zuhört und später ein Mensch verstanden wird. Diese Thematik greift Renate Ahrens auf und lässt Irma, Leah und Rebeccas Lebenswelten aufeinander prallen. Während Leah immer kratzbürstig war und schon jahrelang mit ihrer Mutter Irma im Streit liegt, ist es Rebecca die beginnt mit Irma zu reden. Es ist die Jugendlichkeit, die eine Brücke zwischen den Zeiten baut. Ein unverstellter, freier Blick auf Geschehnisse, die nicht von Ähnlichkeiten, Trauer und Ungerechtigkeit beschatten werden, sondern etwas Besonderes sind – sind sie auch noch so grausam und schmerzhaft.

Der Nationalsozialismus hat viele Familien geprägt. Nicht nur in der Zeit, in der er Deutschland regierte, sondern auch noch Jahrzehnte danach. Irgendwer in der Familie hat ihn erlebt, irgendwer hat jemanden verloren und die nachfolgenden Generationen werden immer noch davon geprägt. Rebecca ist ein kluges Mädchen, das für viele Generationen steht, die sich mit dem Thema befassen müssen, sich damit beschäftigen wollen oder gar nicht anders können. Sie hört ihrer Oma zu und entdeckt ein lang gehütetes Geheimnis. Warum ihre Oma gerade zu diesem Zeitpunkt beginnt zu reden und warum gerade mit Rebecca? Der Leser wird diese beiden Fragen am Ende des Buches für sich selbst beantworten können. Die weiblichen Protagonisten stehen im Vordergrund. Die Zwillingsbrüder von Leah werden zwar erwähnt und auch der verstorbene Mann von Irma, aber im Großen und Ganzen bleiben die Männer sehr blass und unnahbar.

Irma erzählt Dinge, die ihr plötzlich einfallen. Aus der Vogelperspektive heraus beobachtet der Leser sie. Sie erzählt von ihrem Leben als Kind. Irgendwann darf sie keine Klavierstunden mehr nehmen, sie muss die Schule wechseln und ganz zum Schluss besteigt sie einen Zug, der die Kinder in die Freiheit transportiert. Die Freiheit wird von Irma mit einem hohen Preis bezahlt. Sie ist noch sehr jung und muss in einem fremden Land ohne ihre Eltern zurechtkommen. Sie ist einsam, traurig und fühlt sich zwischen den älteren Kindern verloren. Rebecca bekommt diese Geschichte auch noch einmal erzählt, aber der Leser erhält nur Stichworte damit er auf dem Laufenden bleibt. Das Verfahren ist genial und einfach, denn der Leser liest nichts doppelt und die Figuren können sich trotzdem unterhalten.

Manche Dinge bleiben trotzdem ungesagt. Den Schmerz von Irma spürt der Leser nur durch die Zeilen. Ihren großen Verlust hat sie lange Zeit nicht angesprochen und deswegen auch eine große Distanz zu ihrer Tochter aufgebaut. Leah hat nie verstanden, warum sie immer das ungeliebte Kind war. Vieles wird aufgearbeitet und der Roman zeigt, welche Wirkung einfache Worte haben können und was es bedeutet die Vergangenheit angeblich ruhen zu lassen.

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