>Mich hat Auschwitz nie verlassen<

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„Mich hat Auschwitz nie verlassen“

Überlebende des Konzentrationslagers berichten 

Susanne Beyer (Hrsg.) 

DVA, 2015 

29,99 €

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Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Konzentrationslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen waren hier von den Nationalsozialisten ermordet worden; nur wenige Gefangene kamen mit dem Leben davon. Diejenigen, die die Lagerhaft überlebten, konnten oder wollten in den Jahren nach der Befreiung meist nicht über ihre Erlebnisse sprechen. Sie fühlten sich außer Stande, über die Exzesse der Entwürdigung, die sie in Auschwitz erfahren mussten, zu reden, oder sie fanden für ihre Erinnerungen kein Gehör.

Es ist schwierig über dieses Thema zu schreiben oder zu sprechen. Ist es immer. Entweder, weil wir es nicht erlebt haben, weil wir nicht wissen können, was die Menschen dort erlebt haben oder wir nicht wissen, wie wir es ausdrücken sollen. Welche Worte sind falsch, welche richtig? Welche Gefühle sollen/müssen/können wir haben? 

Viele solcher Fragen sind mir beim Lesen immer wieder gekommen. Was ist, wenn niemand mehr erzählen kann, wie es war in einem Waggon irgendwohin gebracht zu werden? Wir können es nur ahnen. Wie fühlt es sich an seine Familie zu verlieren, Stück für Stück und seinen Namen auf einer Liste zu lesen? Gerade in diesen Tagen ist das Thema aktueller denn je. Nicht nur, weil der Jahrestag sich kürzlich jährte, sondern auch weil im Moment andere Menschen, an anderen Orten durch andere Dinge, immer noch Menschen verlieren die sie lieben. 

Bevor ich aber das Buch wirklich las, starrte ich lange den Mann auf dem Cover an. Kann ein Gesicht mehr erzählen? Klar habe ich gewusst, dass er in Auschwitz gewesen sein muss. Aber wenn ich diesen Gedanken von mir schiebe und in sein Gesicht sehe, hat er trotzdem ein Leben gelebt und ist davon gezeichnet worden. Wir wissen immer viel zu wenig von den Generationen, die vor uns lebten. Wir fragen nicht, wenn sie leben, wir denken fast immer nur darüber nach, wenn sie nichts mehr erzählen können. 

Vielleicht ist dieses Buch deswegen umso wichtiger. Es erzählt schonungslos, mit dem unverstellten Blick von den Taten, die in Auschwitz passiert sind. Es gibt auch kleine Lichtblicke, die die Überlebenden nicht verheimlichen. Die Frau aus dem KZ, die zwei Mädchen rettet, in dem sie sie in die Versuchsbaracke von Mengele bringt. Hört sich komisch an, aber die beiden überleben – deswegen. Es gibt den Kapo, der mit jemandem verwandt ist und deswegen eine Stelle in der Küche besorgen kann – für Essen ist gesorgt, man überlebt. Es gibt die Überlebenden, die Glück hatten. Jene, die an Gott glaubten und jene, die jeden Tag um das Überleben kämpften – mit allen Mitteln. 

Die Geschichten sind meist kurz, auf prägnante Situationen zu geschnitten. Sie erzählten bestimmt viel mehr. Oft las ich den Satz: „Mir wollte niemand zuhören.“ Sie nahmen sich vor zu erzählen, wenn sie konnten. Aber es war meist niemand da, der hören wollte, was ihnen geschehen ist. Zu  übel ist der Gedanken, dass es Menschen waren, die Menschen vergasten und abends mit ihrer Familie im Esszimmer saßen. Kinder hörten ihren Eltern nicht zu, obwohl sie ohne sie nicht auf der Welt wären. All das änderte sich langsam, stetig und mit viel Schmerz. Manche redeten spät, aber dafür umso lauter. Jeder dieser Überlebenden hinterlässt eine Spur, die wichtiger ist als alles, was wir in Geschichtsbüchern lesen können.

Es ist kein Buch, das man an einem Stück liest. Es ist kein Buch, das glücklich macht. Aber es ist ein Buch, das aufdeckt, erzählt und Menschen die Möglichkeit gab, sich zu äußern. Und für uns heißt es: Lesen, der Spur folgen und weitergeben, was wir wissen. An unsere Kinder, unsere Enkel, unsere Freunde. Niemand und nichts ist vergessen, wenn es diese Bücher gibt und Menschen, die sie lesen. 

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