Die Sehnsucht des Vorlesers

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Die Sehnsucht des Vorlesers 

Jean-Paul Didierlaurent 

Dtv, 2015 

978-3423260787

14,99 €

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Guylain Vignolles liebt Bücher und hasst seinen Job in einer Papierverwertungsfabrik. Darum liest er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit im Regionalzug um 6 Uhr 27 laut ein paar Seiten vor, die er am Tag zuvor der Schreddermaschine entrissen hat: sein ganz persönlicher Akt der Rebellion gegen die Vernichtung von Literatur.

DieProtagonisten

Guylain ist ein liebenswerter Mensch, der in seiner eigenen Welt lebt. Eigentlich wie wir alle. Aber er mag seinen Job nicht, denn eigentlich liebt er Bücher und schleppt sich jeden Morgen an den Ort ihres Todes. Jeder Freund hätte ihm wohl gesagt: Such dir eine neue Arbeit. Aber dazu kommt es nicht, denn die Menschen in seiner Umgebung sind mit Problemen aller Art beschäftigt und manchmal auch genau so verrückt wie Guylain. 

Sein Freund, der einen schrecklichen Unfall hatte, hat auch einige Macken aufzuweisen und wenn ihr erst hört, was er sammelt, ist es fast unheimlich. 

Außerdem gibt es noch zwei patente Damen, die ihr kennenlernen werdet und eine Unbekannte 😉 

Kulisse

Viele von uns fahren jeden Tag Zug. Man sieht Menschen, die Musik hören, mit ihrem Handy spielen, sich unterhalten oder ein Buch lesen. Letzteres interessiert mich immer brennend, sodass ich versuche den Titel zu lesen. Guylain liest in einem Zug vor. Ich muss gestehen, würde mir so etwas geschehen, wäre ich erst einmal ziemlich verblüfft, würde aber wahrscheinlich schon denken: Ist der noch normal? Aber es wäre eine schöne Abwechslung im Alltag, oder was denkt Ihr? 

Handlung

Guylain rettet Seiten aus einer Maschine, die Bücher zerschreddert. Es gibt einen toten Winkel und dort überleben die Geschichte. Mal eine Seite, mal zwei. Guylain packt sie ein, trocknet sie und liest sie vor – im 6.27 Uhr Zug. Jeden Tag, immer etwas anderes und die Menschen hören zu. 

Es spricht von Sehnsucht, etwas zu retten, was andere nicht mehr  brauchen. Es spricht von Sehnsucht, dieses zu teilen mit Menschen, die Guylain gar nicht kennt. Zugleich stelle ich mir die Frage: Warum hat er so wenig Freunde und Bekannte? Wieso wirkt er immer so abweisend? Er ist „nicht ganz richtig“ im Kopf, könnte der Leser sich zusammenreimen, da er einige Eigenarten besitzt. Er macht auch keinen Hehl daraus, dass er Menschen nicht leiden kann. 

Aber irgendwie passt das Gesamtbild nicht zusammen: allein, Vorleser, ehrlicher Mensch, Zähler, sehnsüchtig suchend nach was auch immer. Er hat eigenartige Freunde, die skurrile Dinge suchen und behalten. Ab diesem Zeitpunkt, als ich erfahre warum es gesammelt wird, wird mir die Handlung zu skurril. Kann nicht jemand normal sein? Eine Arbeit haben, die er mag? Etwas sammeln, was völlig normal ist? Als Guylain etwas neues findet, was er lesen kann, strotzt auch dieses vor Eigentümlichkeiten, fremdartigen Verhaltensweise und dem Gefühl: auch diese Person ist alles andere als 0815. Ihr dürft mich jetzt nicht falsch verstehen. Ich mag es, wenn Bücher außergewöhnliche Charaktere verwenden und ich glaube, diese sind  mit sehr viel Herzblut niedergeschrieben und entwickelt worden. Aber genau so eine außergewöhnliche Person hätte mir gereicht. Ich hatte keine Verwendung mehr für den traurigen Freund und die zählende Unbekannte, die Fliesen als Zeichen im Leben sieht. 

Es war von allem zuviel, dabei ist die Konzeption des lesenden Fremden in einer Bahn, eine wirklich schöne und leise Idee, um einen guten Roman zu schaffen. Die Andersartigkeit hätte es nicht mehr gebraucht. 

 

Diegestaltung

Die erste Reaktion auf dieses Buch ist folgende: Der Titel wird gelesen, ein Seufzen folgt, das Buch wird angefasst. Ja, es ist die Haptik, die bei diesem Roman sehr schön ist. Es fühlt sich schwerer an, als andere Bücher in der Kürze. Das Papier ist cremefarben, mal weiß und mal geht es ins Bräunliche. Das Buch ist anders gesetzt, der Text steht sehr weit links. Die Tagebuchseiten haben eine andere Schrift und auch die „geretteten“ Seiten sind wunderschön abgesetzt und spiegeln wider, warum es wichtig ist, dass die Seiten gerettet werden: Sie sind ein Geschenk. 

Die Aufmachung also ist ein wahres Kleinod und jeder, der sich ein wirklich schön gemachtes, mit Liebe gesetztes Buch kaufen möchte, greift zu. 

DieBewertung

Das Buch, bzw. die Geschichte rettet sich auf drei Bücherpunkte. Ich haderte mit mir, ob es nicht sogar nur zwei Bücherpunkte werden würde. Die Geschichte spiegelt ein zartes Gefühl in sich, aber dies wird nicht im gesamten Roman verkörpert. Zu dem ist mir die Welt rund um Guylain zu fremd, ausgeflippt und zu anders.Bildschirmfoto 2015-05-25 um 14.26.00

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