Lola Bensky

DSC_0575Lola Bensky

Lily Brett

Suhrkamp, 2012

978-3518423301

19,95 €

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Zwischen Stars und Tempokrümeln

 

Lilly Brett, geboren in einem Lager für Displaced Persons schreibt vielleicht über sich, den Nationalsozialismus und Stars, die fast jeder kennt.

Wie spricht ein Autor das Thema Nationalsozialismus an ohne den Zeigefinger zu heben und ohne wirklich prüde zu wirken? Kann ein Autor sich selbst einbringen, die Protagonistin fast verlieren und dabei den Leser verwirren? Lilly Brett kann und beweist nicht erst seit ihren Romanen „Einfach so“ und „Chupze“, das Literatur nicht unbedingt immer schwermütig sein muss, wenn es um ernste Themen und das Leben geht.

Lola Bensky, Jüdin, 19, zu dick für enge Röcke und Karottenjeans, sitzt vor einer Musiklegende. Kein Geringerer als Jimi Hendrix schüttet ihr sein Herz aus und sie findet ihn nett – einfach nur nett. Lolas Leben in den 60ern ist geprägt durch Musiklegenden, die damals noch keiner kannte. Sie macht diese bekannt. Aber da ist noch so viel mehr … Ihre Unzufriedenheit, ihre jüdische Vergangenheit und ihre verschobene Selbstwahrnehmung, die diesem Mädchen zu schaffen macht.

Massiv wie ein Möbelstück […]“ (S. 26) – so sitzt die Lola, die der Leser beobachtet auf ihrem Stuhl vor Jimi Hendrix. Was wie ein ernstes Interview beginnt, entwickelt sich zu einem Gespräch über das Leben, Aufmerksamkeit und Liebe. Und so ist es bei Lola immer: Konzentriert sie sich eben noch auf wichtige Dinge und ihre Arbeit, schwebt sie bald fernab von jeder Realität in der Erinnerung ihrer Eltern, denn davon lebt ihre Geschichte.

Lola saugt alles wie ein Schwamm auf, was sie zum Leben braucht. Um zu lernen, dass auch sie einzigartig ist und das Tempokrümel, die aus ihrer Strumpfhose rieseln, kein Weltuntergang sind: Nicht schön, aber dadurch wird niemand sterben. Gerade diese Momente sind es in denen dem Leser klar wird, dass Lola normal ist, trotz ihrer tollen Arbeit, auf die sie im Alter noch zurückblicken wird. Denn das Buch umspannt Lilly Bretts und Lolas Leben, bis beide schlanker, älter und ruhiger sind.

Während Lolas Eltern in Auschwitz waren und dort von einem Tag zum nächsten lebten, ist es Lola, die nach Meinung ihrer Mutter viel zu dick ist und Diät halten sollte. Die Anspielungen sind klar verständlich. Lola lebt im Generationskonflikt mit ihren Eltern und deren schrecklicher Vergangenheit.

Nicht nur das ist ein Problem. Auch das ihre Mutter schweigt und nie davon erzählt, sondern eigentlich nur in stillen Momenten weint, ist das so andersartig für Lola, dass sie beginnt anders damit umzugehen. Sie schreibt Diätlisten, verdrängt grausame Taten und spricht sie trotzdem an. Nur nicht vor den Betroffenen sondern vor den Musiklegenden unserer Zeit, die damals unbekannt waren. Dort lässt sie ihre Hüllen fallen, ist plötzlich emotional und ebenso gelassen.

Lola kannte auch das Gefühl, sich das Recht auf ein eigenes Leben abzusprechen.“ (S. 50)

So verweben sich zwei Geschichten zu einem dichten Gespinst an Wörtern, die manchmal poetisch und manchmal hart auftauchen, um den Leser mitzureißen. Liest sich ein Satz wie ein Gedicht, kann man sicher sein, dass im nächsten Moment Selbstzweifel von Lola überhand nehmen und sie, wie auch der Leser beginnt, die Vergangenheit ihrer Eltern zu verfluchen. Denn was wäre gewesen, wenn?

Eine Lebensreise von der Vergangenheit in die Gegenwart

 

Die eine Lebensreise beginnt in einer Gegenwart, die geprägt ist von Musik, Aufbruch und Verlust. Lola und ihre Generation haben ihre eigene Verluste und ihre eigenen Krise. Die Frage ist: Hat auch Lola eine Identität, wenn sie keine wirkliche Krise gemeistert hat? Zu dieser Frage passen auch die Gespräche mit Popikonen und solche, die es bald nicht mehr sein werden.

Während Cher noch mit Sonny liiert ist und der gegenwärtige Leser weiß, was aus diesem Pärchen wird, entdeckt er schockierende Aussagen damaliger „kleiner“ Stars wie Janis Choplin:

[…] das Chicks mich anmachen. Andererseits machen mich auch viele Typen an. Ich vögle gern.“ (S. 100)

 

Oder eben jener Cher:

Das Problem mit manchen Frauen ist, dass sie in Wallung geraten wegen nichts – und dann heiraten sie es auch noch.“ (S. 301)

Schamlos und direkt sagen: Jimi Hendrix, Mick Jagger, Jim Morrison und Janis Choplin, was sie denken. Faszinierend daran ist, dass der Leser einen ganz anderen Blick von „seinen“ Popikonen bekommt. Hat der Leser in der jetzigen Gegenwart das Gefühl Mick Jagger sei ein wilder Hengst gewesen, klärt der Blick durch die Figur von Lola auf: auch Jagger war/ist ein Organisationstalent und viel weniger wild als gedacht. Aber es ist nur eine Fiktion, ein Roman, der vielleicht nicht auf Tatsachen beruht. Und da versteckt sich der Knackpunkt.

Fakt ist: Lily Brett hat Interviews geführt und hat diese Legenden tatsächlich getroffen. Aber wo verschwimmen die Grenzen? Was ist wahr und was ist an „Lola Bensky“ und ihren Gesprächen Fiktion? Zwischen all diesen Interviews entdeckt der Leser etwas von Lilly Brett und viel von Lola. Aber wo hört der Autor auf und wo beginnt die Figur?

Beginnt der Leser sich solche Fragen zu stellen, ist schnell klar: dabei kann er verloren gehen und dann ist es fraglich, ob die Lust am Roman noch erhalten bleibt. Zwar geht davon auch ein gewisser Reiz aus, aber manchmal ist das Katz- und Mausspiel mit dem Leser eine Gratwanderung und kann auch einen guten Roman zum Gegenteil umkehren.

Aber dieses Verwirrspiel und die verschobene Wahrnehmung passen zum Stil von Lilly Brett. Es wäre komisch, wenn ihre poetische und manchmal harte Sprache mit einem einfachen Charakter verbunden wäre. Doch so ergibt sich ein stimmiges Bild, auf das sich der Leser dennoch einlassen muss.

Dieser Roman ist hohe Kunst, denn er spielt mit dem Leser und die Autorin verkleidet sich selbst. Wer in den Anfängen der Popkultur gelebt hat, wird vieles einfacher verstehen als jene, die viel später geboren sind. Trotzdem ist es ein Roman, dem man jede Menge Leser und Leserinnen wünschen sollte, egal welches Alter und welchen Grund sie haben dieses Buch zu lesen: Lesen sie es.

Lilly Brett: „Lola Bensky“. Roman. Aus dem Englischen von Brigitte Heinrich. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 302 S., geb., 19,95 Euro. 

Anmerkung: Diese etwas andere Rezension ist in der Universität in einem Seminar entstanden. Dort habe ich eine Leistung gemacht. Ich hoffe sie gefällt euch trotzdem. 

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2 Kommentare

  1. Diesen Roman habe ich schon länger im Auge. Auch wenn ich sonst oft vor Büchern zum Thema Nationalsozialismus zurückschrecke. Dieses hier wirkt jedoch herrlich unsentimental. Daher werde ich mal versuchen ein preiswertes Exemplar aufzutreiben und bin schon gespannt ob es mir auch so gut gefällt wie Dir.

    LG, Katarina 🙂

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